„Polar. Der französische Kriminalfilm 1930–1960“ im Wiener Filmmuseum (28.08.15-15.10.15) [fr]

Die Schau findet mit Unterstützung des Institut français (Paris) statt und präsentiert 39 Werke von 17 Filmemachern. Drei davon – Jacques Becker, Henri Decoin und Sacha Guitry – werden in speziellen Einführungen gewürdigt.

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Weitere infos und Programm

Die Festigung des französischen Kriminalfilms als Genre fällt mit den ersten Jahren des tönenden Kinos zusammen, seine Neuausrichtung um 1960 findet unter dem Ansturm der Nouvelle Vague statt. Dazwischen liegt eine „klassische“ Periode, die selbst viele Mutationen enthält, analog zum Wandel der Nation. Der film policier – also der Krimi in all seinen Spielarten – dient als Schlüssel zum Selbstverständnis des Landes und als populäres Exportgut eines esprit français. Er verdichtet sich in Filmtiteln wie Rififi oder Les Diaboliques, die weltweit Schlagwörter werden; er ist untrennbar verbunden mit Superstars wie Jean Gabin oder Simone Signoret; und er übt starke Anziehung auf die zentralen Regisseure Frankreichs aus, von Jean Renoir und Julien Duvivier über Henri-Georges Clouzot und Jacques Becker bis Jean-Pierre Melville.

Das Begriffspaar des Titels – Noir | Polar – beschreibt auch eine Entwicklung in der Rezeption. Die Bezeichnung film noir wurde nach 1945 von französischen Kritikern für jene US-Filme verwendet, deren traumatische „Schwärze“ aktuelle Sozialneurosen spiegelte, doch geprägt wurde sie ursprünglich für Frankreichs Kino von 1935 bis 1939. Als „schwarz“ und „defätistisch“ attackierte die politische Rechte im Kulturkampf der Volksfront-Ära eine Gruppe von Klassikern des Poetischen Realismus: Renoirs La Bête humaine, Duviviers Pépé le Moko, Marcel Carnés Le Quai des brumes und Le Jour se lève sowie Pierre Chenals Le Dernier tournant, die erste Verfilmung von The Postman Always Rings Twice. Ihr Pessimismus wurde mit Demoralisierung gleichgesetzt – und letztere scheinbar bestätigt durch die Passivität Frankreichs im Frühjahr 1940, angesichts der Unterwerfung durch die deutschen Besatzer. Das heute etablierte Wort Polar – eine umgangssprachliche Verkürzung von film policier – ist dagegen eine retrospektive Prägung von links, als in den 1970ern eine neue Schriftstellergeneration die subversiv-gesellschaftskritische Tradition von Erzählungen aus der Welt des Verbrechens betonte.

Diese Welt war schon in der Stummfilmzeit ein Thema für Frankreich und sein Kino, etwa die Angst vor krimineller Anarchie in den 1910er Jahren, die in Louis Feuillades Serials spürbar wird. Aber erst mit der Einführung des Tons stabilisiert sich der film policier als Genre, befeuert von nunmehr hörbaren Reizen wie Schusswechseln oder dem lässigen Klang des argot, der Gaunersprache. Diese audiovisuelle Emanzipation ist auch eine von den literarischen Kriminal-Plots des 19. Jahrhunderts. Im belgischen Vielschreiber Georges Simenon findet das 20. Jahrhundert seinen eigenen (Krimi-)Balzac: Zwei geniale Maigret-Verfilmungen der Jahre 1932–33 werden bestimmend für den Polar – Duviviers La Tête d‘un homme und das Schattenspiel La Nuit du carrefour von Jean Renoir, der schon 1931 mit La Chienne die Noir-Lunte gezündet hatte.

Auch die entfesselten Stadtbilder des Weimarer Kinos fließen Anfang der 30er Jahre ins Krimigenre ein – z.B. in das Wunderwerk Cœur de lilas von Anatole Litvak oder Pierre Chenals La Rue sans nom. Dies ist die Geburtsstunde des Poetischen Realismus: Als lyrisch-ästhetisierte (und meist im Studio gedrehte) Auseinandersetzung mit dem Leben in Krisenzeiten dominiert diese Bewegung die Jahre der Volksfront und ihres Scheiterns. Die fatalistischen Studien vom individuellen Aufbegehren gegen das System machen Jean Gabin als Darsteller tragischer Helden zum Mythos – und zur Zentralfigur dieser Schau, noch vor dem einzigartigen Michel Simon und anderen Ausnahmeakteuren wie Harry Baur, Louis Jouvet oder Danielle Darrieux, und noch vor den entscheidenden Regisseuren.

Von letzteren gehen Renoir und Duvivier (wie auch Gabin) mit den „schwarzen Jahren“ der deutschen Besatzung ins Hollywood-Exil; eine neue Generation rückt nach. Jacques Becker und Henri-Georges Clouzot paaren das Dunkle ihrer Gesellschaftsbilder zunächst mit Komik und amerikanischen „Screwball“-Elementen. Clouzots stockfinstere Denunzianten-Studie Le Corbeau (1943) wird jedoch zum Skandal, während Henri Decoins Simenon-Adaption L’Homme de Londres die nationale Gewissenskrise in schwarze Stimmungsmalerei übersetzt. Die Befreiung ändert wenig an der Atmosphäre im Kriminalfilm: 1947 beschwört Decoins Meisterstück Non coupable bruchlos Schmach und Schuld der Grande Nation, und Clouzot (der wegen Kollaboration kurzfristig ein Berufsverbot erhalten hatte) feiert mit dem Verstrickungskrimi Quai des Orfèvres ein gewaltiges Comeback. Heimkehrer wie Duvivier (Panique) und Chenal (La Foire aux chimères) übersetzen soziale und menschliche Enttäuschung in barocke Totentänze. Parallel zum US-Noir wendet Yves Allégret den Poetischen Realismus Ende der 1940er Jahre vollends ins Nihilistische – und macht Simone Signoret zum Star.

Nach 1950 tauchen an den Rändern des Genres neue prägende Darsteller/innen auf, z.B. Lino Ventura oder Jeanne Moreau, während sich die politische „Beruhigung“ bzw. Erstarrung des Landes auch in die Kriminalfilmplots einschreibt. Beckers Schlüsselwerk Touchez pas au grisbi (1954) erzählt von der Verbürgerlichung des Gangsters und begründet den zweiten Gabin-Mythos, der nun nicht mehr automatisch gegen die Gesellschaft gerichtet ist: Der (eigentlich noch gar nicht so) „alte“ Gabin befindet sich hier und in Decoins neuerlicher Simenon-Bearbeitung La Vérité sur Bébé Donge auf dem Gipfel seiner Kunst. Wie als Kontrapunkt zum Erstickungsgefühl der „fetten Jahre" perfektioniert Becker einen kühlen, lakonischen Krimi-Stil, der in Jules Dassins exaktem Einbrecher-Uhrwerk Rififi aufgegriffen und von auteurs wie Melville und Robert Bresson zur Abstraktion geführt wird. Den Endpunkt setzt Becker mit seinem allerletzten Film: In Le Trou fusioniert er dokumentarische Präzision und suspense, Klassik und Moderne. Melville zieht aus diesem „größten französischen Film“ weitere Konsequenzen, und auch Drehbuchautor José Giovanni wird die nächste Polar-Phase mitgestalten. Als Le Trou im März 1960 zwei Tage nach Jean-Luc Godards À bout de souffle anläuft, überstrahlt ihn schon die Neue Welle. Diesen Aufbruch und seine Folgen wird der zweite Teil der Retrospektive im Herbst 2016 untersuchen.

Dernière modification : 25/08/2015

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