Jérôme Savary (Juli 2012) [fr]

Jérome Savary, französischer Theater-, Opern- und Musicalregisseur hat eine lange internationale Karriere hinter sich. Zum dritten Mal hintereinander inszeniert er ein Stück von Ferdinand Raimund im Landestheater Niederösterreich. Raimunds Der Bauer als Millionär wird ab 28. Juli zuerst auf der Sommerarena der Bühne Baden aufgeführt und kommt anschließend, im Herbst, auf die Bühne des Landestheaters von St. Pölten. Savary, der u.a. auch Gründer des Magic Circus ist, war am 25. Juni zu Gast im Französischen Kulturinstitut Wien. Auszüge aus einem Gespräch:

Ein langjähriges Verhältnis mit Österreich

Ich mag Österreich sehr. Ich habe in meiner Jugend hier häufig gearbeitet. Zur Zeit des Magic Circus hat das Land dank der fast jährlichen Einladungen seitens der Wiener Festwochen meine Truppe oft gerettet. Und dann gab es auch die Bregenzer Festspiele, für die ich Opern wie Carmen oder Hoffmanns Erzählungen inszeniert habe.

Zugänglich für Ferdinand Raimunds Stücke

Als man mit der Inszenierung von Raimund an mich herantrat, kannte ich diesen österreichischen Autor zugegebenermaßen nicht. Es gibt keine französische Fassung seiner Stücke. Sie fallen weder in das Genre der Operette, noch dem der Komödie, des Musicals oder des Theaters. Sie ähneln ein wenig den Stücken mit Couplets, die man in Frankreich zur Zeit von Scribe kannte.

Interessanterweise konnte ich mit Raimund sofort etwas anfangen. Ein sagenhafter Kerl! Zuerst denkt man, die Stücke seien unmöglich auf die Bühne zu bringen. Es geht in alle Richtungen los.

Eher als die Commedia dell’arte, bei der man weniger Texte als vorgegebene Szenenbeschreibungen hatte, ist Raimund der Erbe des Goldenen spanischen Zeitalters, oder auch Molières oder Shakespeares. Diese schrieben, spielten, und inszenierten. Es gab bei Shakespeare, wie auch bei Molière Platz für gemeinsame Improvisation mit dem Chef der Truppe, der die Komödianten von der Bühne aus führte.

Raimund ist der geistige Vater Ionescos. Eine Mischung aus Feenzauber, den er gerne mochte und der sich damals gut verkaufen ließ, plötzlich unterbrochen von einer Szene, die eher einer Operette gleicht und dann wieder in Richtung Ionesco geht. Man bemerkt dann, dass sich hinter der scheinbaren Leichtigkeit Raimunds Tiefe, ja sogar Verzweiflung versteckt. Er ist außergewöhnlich modern und auch chaotisch. Wie bei Ionesco ist sein Humor manchmal böse, vor allem wenn es um das Alter beim Bauer als Millionär geht.

Ich kann mich in Raimund gut eindenken, in seine Geschichte, seine Beziehung zu Frauen, seine Weltanschauung, die manchmal ein wenig sexistisch ist und manchmal ein bißchen verzweifelt.

Die Tatsache, dass er nicht als „ernstzunehmender Autor“ gesehen wird - das ist etwas, was ich gut kenne. Was ich bei meiner Arbeit mit Raimund mache ist, dass ich wie bei einem Pilz an der Oberfläche kratze, bis die sozialkritischen und philosophischen Momente zum Vorschein kommen.

Es ist unfair, dass Raimund in Paris nicht gespielt wird. Ich würde gerne ein oder zwei Stücke dort aufführen. Vielleicht im Théâtre de Bobigny.

Ode an das Improvisieren

Ich bin nicht der Regisseur, der eine Inszenierung Monate vorher in sein Heft schreibt und dann einfach nur durchsetzt, was er anfangs beschlossen hat. Ich arbeite mit den Schauspielern, den Sängern und je nach Talent und den Stärken eines jeden, gebe ich den Figuren mehr oder weniger Gewicht.

Ich mag es gar nicht, wenn Schauspieler hinter den Kulissen warten, bis sie dran sind; ich versuche alle immer auf der Bühne zu haben. Deshalb sind die letzten Probetage manchmal etwas chaotisch und stressig; weil ich gestreßt bin, weil die Schauspieler gestreßt sind. Das ist wichtig, dass sie sich aufregen und destabilisiert sind.

Das Improvisieren ist für mich sehr wichtig, denn ich arbeite nach Mass. Das Theater ist eine Prototypkunst, eine Handwerkskunst, biologisch abbaubar. In meinen Stücken möchte ich die Kunst „lebendig“ erhalten, Überraschungen müssen möglich bleiben.

Das Arbeiten mit dem Text

Ich habe in Deutschland die letzten 50 Jahre über 40 Stücke inszeniert, spreche aber sehr schlecht Deutsch. Ich verstehe es zwar, spreche aber nicht. Ich habe in Simone Strickner eine hervorragende Mitarbeiterin, die mir die Stücke Wort für Wort übersetzt. Ich verstehen allerdings Deutsch gut genug, um Wortwitze zu verstehen, und gebe die Anweisungen auf Englisch.

Die Proben

Allgemein arbeite ich schneller und stelle in drei Wochen ein Stück auf die Bühne. Die Proben werden fünf Wochen dauern. Ein großzügiger Zeitplan, den die Schauspieler aber brauchen, weil sie nicht nur spielen, sondern auch singen. Das erfordert eine längere Probezeit.

Der Bauer als Millionär

Das dritte Stück (Der Bauer als Millionär, ab 28. Juli auf der Bühne Baden gespielt), hielt ich anfangs für unspielbar und dann hat mich wieder die Liebe zu diesem Stück gepackt. Wie bei den anderen, ist der männliche Part großartig und wird übrigens auch von einem großartigen Schauspieler gespielt.

Baden und das Landestheater Niederösterreich

Mir hat die Arbeit mit dem Ensemble von St. Pölten sehr gut gefallen, und Baden ist für mich voll von Erinnerungen. Für einen ruhelosen Mann wie mich, der Zeit seines Lebens in der Welt herumzieht, bedeutet der Ort Ruhe und Inspiration.

www.landestheater.net
http://www.buehnebaden.at/
http://www.laboiteareves.fr/

Dernière modification : 12/11/2014

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